Danke für die zahlreiche Teilnahme!

Das war eine tolle Aktion voller Power!

aufzumbildungsstreik

Aufruf / Informationen

Wir Schülerinnen und Schüler aus dem Kreis Herford finden, dass unser Schulsystem dringend reformiert werden muss. Deshalb arbeitetet die BezirksschülerInnenvertretung Herford (BSV Herford), die demokratisch gewählte Vertretung der SchülerInnenvertretnugen (SVen) im Kreis Herford, mit den Jusos Herford, der Linksjugend ['SoLiD] Herford und der GEW – Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft zusammen. Wir rufen alle Schülerinnen und Schüler aus dem Kreis Herford auf am:

17. Juni 2009
von 10:00 bis 12: 30 Uhr
am Neuen Markt in Herford

für ein besseres Bildungssystem zu protestieren.

Die konkreten Forderungen findet ihr weiter unten auf dieser Seite.

Für Eltern

Durchschnittlich bekommen ein viertel der Schülerinnnen und Schüler der achten bis zehnten Klasse in mindestens einem Fach Nachhilfe. Eltern bezahlen eine halbe Milliarde (!) Euro für etwas, was eigentlich Aufgabe des Staates sein sollte: Jede Schülerin und jeden Schüler bestmöglichst zu fördern (Quelle: SZ).

Finden Sie es gerecht, wenn sich gutverdienende Eltern Nachhilfe leisten können und so gute Noten für ihre Kinder “erkaufen”? Finanziell weniger gut gestellte Familien haben auch Probleme 500 € für Studiengebühren aufzubringen und überlegen es sich zweimal zu studieren.

Dies sind nur einige Beispiele für Ungerechtigkeiten in unserem Bildungssystem. Eine Auflistung unserer Forderungen, finden Sie weiter unten auf dieser Seite. Erlauben Sie deshalb bitte ihrem Kind am Bildungsstreik am 17. Juni teilzunehmen. Dazu können Sie unser vorgefertigtes Entschuldigungsformular ausdrucken und verwenden.

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Für Schülerinnen und Schüler

Du hast kaum noch Freizeit, weil alle von G8 und Schulzeitverkürzung sprechen? Du willst in kleineren Klassen unterrichtet werden? Du willst auch einmal mitbestimmen was in deiner Schule passiert? Die Ausstattung an deiner Schule ist auch so schlecht?

Dann mach’ doch einfach mit uns protestiere mit uns gemeinsam beim Bildungsstreik 2009 in Herford. – Wenn du volljährig bist, drucke dir dieses Formular aus und gebe es deiner Lehrerin/deinem Lehrer. Wenn du deine Entschuldigungen noch nicht alleine ausfüllen darfst, drucke dir dieses Formular aus, lasse es von deinen Eltern unterschreiben und gebe es dann deiner Lehrerin/deinem Lehrer.

- Mache von deinem Grundrecht auf Versammlungsfreiheit Gebrauch und protestiere mit uns für ein gerechteres Schulsystem.

Forderungen

• Mehr Chancengleichheit durch längeres gemeinsames lernen!
• Kostenlose Bildung für Alle
• Kleine Kurse / Klassen + mehr Lehrerinnen und Lehrer
• Mehr öffentliche Finanzmittel für das Bildungssystem
• Praxisnahe und bessere Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern
• Regelmäßige Schulungen
• Rücknahme des Turbo-Abiturs (G8 / Schulzeitverkürzung)
• Gleichmäßige Verteilung von öffentlichen Mitteln an die Schulen, unabhängig von deren Schulform
• Regelmäßige Feedback-Möglichkeiten (von Schülerinnen und Schülern an ihre Lehrerinnen und Lehrer)
• Kooperationen mit Unternehmen die Ausbildungsplätze fördern sollten erlaubt bleiben, Einflussnahme auf Bildungsinhalte darf nicht stattfinden
• Verbesserung des Systems bei der Kopfnotenvergabe
• Wiedereinführung der Drittelparität
• Abschaffung des föderalen Bildungssystems

BündnisparterInnen

  • BezirksschülerInnenvertretung Herford (BSV Herford)
  • Linksjugend ['SoLiD] Herford
  • JUSOS Herford
  • GEW – Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft

Unterstütze uns:

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6 Kommentare zu “Bildungsstreik 2009 in Herford”

  1. aykanam 19.05.2009 um 22:10

    Wenn ihr unsere Forderungen auch unterstützt und als Bündnispartner genannt werden wollt, setzt euch einfach mit uns in Kontakt (vorstand [at] bsv-herford.de).

  2. Bildungsstreik | BSV Herfordam 22.05.2009 um 12:38

    [...] weitere Infos [...]

  3. aykanam 22.05.2009 um 15:33

    Wir freuen uns über Unterstützung jeglicher Art, wenn DU auch findest, dass unser Bildungssystem so nicht weiter funktionieren kann, melde dich einfach bei uns: (vorstand [at] bsv-herford.de).

  4. Fam 07.06.2009 um 19:23

    Gibt es Ansprechpartner an den einzelnen Schulen?
    Irgendwelche Flyer, Sticker, o.ä.?
    Grüße

  5. Annikaam 17.06.2009 um 17:00

    Hey Herforder und Herforderinnen,

    meldet doch mal eure TeilnehmerInnen-Zahlen durch, wenn eure Demo vorbei ist. Am besten beim LiveTicker der Bundesweiten Bildungsstreik-Seite ;-)

  6. Kritische Sympathisantenam 18.06.2009 um 11:52

    hallo,

    wir gratulieren euch einerseits zur demo, schicken euch aber auch was zum lesen, weil wir grob gesagt glauben, dass eure forderungen letztlich nicht weit genug gehen.

    die beiden texte (tschuldigung sehr lang) stammen von freerk huisken, einem pädagogik-prof im ruhestand. der autor weiß also, wovon er schreibt.

    in diesem sinne lesen! denn ohne revolutionäre theorie keine revolutionäre praxis!

    grüße

    Bildungsstreik 2009:

    Wie aus einem Schülerstreik ein Einsatz für veredelte Konkurrenz in der Schule wird

    Der Bildungsstreik 2009 steht an; mit einem Katalog von sieben Forderungen, der von ziemlich großer Wertschätzung für das Bildungswesen der Bundesrepublik zeugt. Wie denn das? Wo sich die Organisatoren des bundesweiten Streiks doch ausgesprochen kämpferisch geben: Sie wollen „nicht lieb protestieren“, sie planen vielmehr Blockaden und Besetzungen, wie sie in ihrer Pres­seerklärung ankündigen. Gleichwohl bestätigt ein Blick auf den Inhalt ihrer Forderungen, dass sie sauber trennen möchten zwischen Um­ständen des schulisch organisierten Lernens, die sie stören, und der schulischen Bildung, die sie verteidigen. Sie meinen, dass hässliche Verhältnisse an den Schulen, die ihnen aufstoßen, eigentlich unpassend seien für das deutsche Bildungswesen und die politischen Zwecke, für die es vom Staat betrieben wird.

    Woran ist denn bei dem – ersten – Wunsch nach „kostenloser Bildung für alle“ gedacht? Da weiß man zwar, dass sich Schüler aus armen Familien keine Nachhilfe leisten können und manchmal sogar die Klassenfahrt sausen lassen müssen. Da weiß man also um die Sortie­rung dieser Gesell­schaft nach Reich und Arm. Aber die Streikmann­schaft stört sich al­lein an den Auswirkungen des Einkommensgefälles auf das Bildungsge­schehen. In der Schule we­nigstens soll das Geld der El­tern keine Rolle spielen, wenn sich an ihm auch sonst alles entschei­det. Über den Schulerfolg soll nicht das Portemonnaie der Eltern entscheiden! Sondern was? Al­lein die Leistungskonkurrenz? Offensichtlich sollen sich in der Schule alle unter gleichen Lern­bedingungen am Start um die aussichtsreicheren Schulkarrieren aufstellen. Das sehen Bildungs­politiker anders: Sie halten es keineswegs für ungehörig, dass die Einkommensunterschiede auch in der Schule – und mit Stu­diengebühren an der Universität – wirksam werden, wo das Bildungs­wesen die nachfolgende Ge­neration doch in genau diese Gesellschaft von Reich und Arm ein­führt.

    Auch die – zweite – Parole: „Eine Schule für alle – weg mit dem mehrgliedrigen Schulsys­tem“ ist von diesem schulischen Gleichheitsideal beseelt. An der Mehrgliederigkeit des Schulsystems stößt den Streikkomitees irgendwie sauer auf, dass die Schule die Lernenden sortiert, die Schule also Ungleichheit produziert. Doch was wäre eigentlich, wenn alle Schüler in einundderselben Schule nach denselben Grundsätzen traktiert würden? Wäre das nicht gleiche Verdummung für alle bei Selektion durch Punkte und Noten? Und wenn Schluss wäre mit der Se­lektion nach vier Schuljahren, wenn gar allen der Weg zum Abitur offen stünde? Dann gin­ge das Hauen und Ste­chen um Zugang zu den besseren Fressnäpfen erst in der Uni und auf dem Arbeits­markt, da aber so richtig los! Dass die besser bezahlten Führungspositionen, um die vom ersten Schultag an ein Kampf organisiert ist, immer nur einer Minderheit zustehen und nicht der Mehrheit der Geführ­ten, scheint ja nicht der Stein des Ansto­ßes zu sein. Hauptsache es gehören zusätzlich ein paar Angehörige der Unterschicht zu dieser Minderheit. Dann ist schon wieder viel für soziale Gerech­tigkeit getan!

    Und fällt denn niemanden auf, dass – drittens – eine Schule mit „mehr LehrerInnen und kleineren Klassen“ nur den Lehrern das Leben leichter macht. Klar, die Schüler würden vielleicht mehr ler­nen – was auch immer! Leh­rer könnten ihnen mehr Zeit widmen – weshalb auch immer! Was käme dabei heraus? Allein das Lernniveau würde sich ändern, auf dem die Schulklassen in der Lernkonkurrenz nach Schulsiegern und Schulverlierern zerlegt werden.

    Wer schließlich – vier­tens – „gegen Schulzeitverkürzung – wie dem G8-Abitur“ antritt, dem passt zwar die staatliche Verschärfung des Leistungsdrucks nicht, dem fällt dagegen aber nichts als der Wunsch nach Rückkehr zu jener früheren Normalität ein – über die er in der Vergangenheit aller­dings wenig Gutes zu berichten wusste. Nicht zuletzt auch über mangelhafte Mitbestimmung.

    Deswegen darf auch die – fünfte – Forde­rung nach „Demokratisierung des Bildungssystems“ er­neut nicht fehlen. Dass die Anstalt von den Schülern, ohne dass sie ihren Senf dazu geben dürfen, nur halb so gut zu genießen ist, leuchtet Schülern so­fort ein, die die Schule als ihre (Vormittags-)Heimat leben. Außerdem kann man in der Demokratie gar nicht früh genug lernen, sich darum zu kümmern, dass in der Schule wirklich jede ungerechte Beurteilung, jede Lehrerbe­leidigung, jede dem Lernen abträgliche, antiquierte Arbeitsmethode und was sonst noch das ge­deihliche Miteinander von Lehrer und Schüler stört, sofort und gnadenlos bei den Zuständigen zur Anzeige kommen muss, die sich dann kümmern. Die Zuständigen, das sind die Staatsbeamten in der Leitung der Bildungsanstalten. Die gehören nämlich zu den Guten.

    Das ist – sechstens – dem radikal gemeinten Ruf: „Beendet den Einfluss der Wirtschaft auf die Schulen!“ zu entnehmen. Denn „die Wirtschaft“, das sind die Bösen, die in der Schule nichts zu suchen haben. Aber ist es nicht so, dass die Schule den Nachwuchs auf nichts anderes als auf den Dienst an und in dieser Wirtschaft vorbereitet? Geht es der staatlichen Sorge um das Funktionie­ren des Bildungswesens um etwas anderes, als dass die Schule als Lieferant von praktisch vorsor­tiertem Menschenmaterial für „die Wirtschaft“ funktioniert. So etwas heißt heute ‘Praxisnähe’ und gilt als Teil von Reform. Eine andere Praxis als die im Dienst in und für Staats- und Geld­macht kennen die staatlichen Bildungsreformer nun einmal nicht. Wer also dem Einfluss der Wirtschaft auf die Schule dort entgegentreten will, wo sie auch noch penetrant als Lobby und Sponsor auftritt und durchrechnet, ob nicht aus dem Schulwesen selbst noch ein Geschäftchen zu machen ist, kommt etwas zu spät.

    Es passt also manches nicht zusammen im Streikaufruf: Da stellen die Streikkomitees der Schüler eine Reihe von Forderungen auf, in denen ihre Kritik an staatlicher Schulpolitik zusammen­gefasst ist, um dann am Ende wieder mit einem Plädoyer für die gerade eben kriti­sierte staatliche Bil­dungspolitik aufzuwarten. Im Schoß des Staates fühlen sie sich letzt­lich doch besser aufgehoben als in dem der Wirtschaft, verkünden sie mit ihrer Absage an jeglichen Einfluss öko­nomischer Macht. Als ob man hierzulande zwischen Staats- und Geldmacht wählen könnte! Und wenn sie – siebtens – schlussendlich „Schluss mit Repressionen gegen Schüler und Schülerinnen“ rufen, wird es noch eine Spur absurder. Wer übt denn hier, bitte schön, Repression aus? Es sind immerhin staatliche Bildungsbehörden, die jene Schüler dis­ziplinieren und bestrafen, welche sich durch Vorschriften nicht von ihrem Schulkampf abhalten lassen wollen. Und eben diese staatli­chen Ein­richtungen sollen der adäquate Ansprechpartner für solche Forderungen sein, deren demonstrati­ver Vortrag mit Sicher­heit wieder einigen Schülern staatliche „Repression“ einträgt?!

    Aber letztlich passt wieder alles zusammen: Wo die sieben Forderungen des Bil­dungsstreiks we­der die Sicherung der praktischen Benutzbarkeit noch die der geistigen Parteilichkeit durch die Schule angreifen, sie weder am letzten Bildungsziel der Schule, sich „aktiv für die demokratische Ordnung“ einzusetzen, etwas aussetzen noch die Ver­teilung des Nachwuchses auf die vorgegebe­ne kapitalistische Berufshierarchie zum Thema machen, sondern allein die Verbesserung von Lern- und Konkurrenzbedingungen in der Schule anmahnen, da sind sie bei der staatlichen Bil­dungsbehörde an der richtigen Adresse. Einerseits wenigstens. Andererseits fragt sich natürlich, warum Bildungspolitik all das – und noch viel mehr – in der Schulpolitik eingefallen ist, was dem kriti­schen Nachwuchs so gar nicht schmeckt. Zufall wird das wohl nicht sein und gewürfelt haben ihre Vertreter auch nicht. Welche politischen und ökonomischen Gründe sie für das Schulwesen haben, so wie sie es jetzt – nach PISA – umkrempeln, das müsste man wirklich einmal er­mitteln. Es steht zu erwarten, dass dabei herauskommt: Schu­le im Kapitalismus funktioniert anders­, als es sich diejenigen Schüler vorstellen wollen, die immer nur ihre Enttäuschung dar­über kund tun, dass Schule ihren Konkurrenzidealen nicht so zu Diensten ist, wie sie es gerne hät­ten und wie sie es von ihrem Staat erwarten.

    Text 2:

    Freerk Huisken 20091

    „Wieso? Weshalb? Warum? Macht die Schule dumm?“2

    1. Stimmt, Schule macht dumm. Das steht nicht etwa für ein Versagen der Schule, sondern gehört zu ihren Aufträgen. Dummheit, was ist das? Es fällt nicht unter Dummheit, wenn man nicht alle 27 Nebenflüsse der Elbe weiß, die chemische Formel von Blei nicht kennt, von Feuerbach noch nie et­was gehört hat oder die neue Zeichensetzung nicht beherrscht. Das ist fehlendes Wissen, das kann man sich aneignen, wenn man will. Die äußerst sparsame Vermittlung von Wissen und Kenntnisse an die Mehrheit der Schüler, die frühzeitig für untere Regionen der Berufshierarchie aussortiert werden, weil ihre weitere Qualifikation außer Kosten nichts bringt, fällt auch nicht unter Dummheit, sondern unter schulisch organisierten, bildungspolitisch gewünschten Ausschluss von weiterführenden Bildungswegen. Die stehen in der „Wissensgesellschaft“ nämlich nur der Elite offen, also denen, die mit ihrem Wissen den Kapitalstandort Deutschland voranbringen, und denen, die die dafür nötigen Herrschaftsfunktionen ausüben: Juristen, Journalisten, Politiker, Lehrer und sonstige Staatsbeamte.

    2. Dummheit ist nicht das, was man nicht lernt. Unter Dummheit fällt vielmehr ziemlich viel von dem was man lernt und zwar als Hauptschüler wie als Gymnasiast. Die frühzeitige Aneignung einer gehörigen Portion Dummheit braucht es für jene Leistungen, die die Bürger hierzulande stän­dig erbringen: nämlich für die freiwillige Unterordnung unter alle Zwänge und Sachzwänge dieser Gesellschaft. Dazu gehört in erster Linie die Einbildung, dass Schule und Uni, alle politischen Ein­richtungen und nicht zuletzt der Arbeitsmarkt und die Berufswelt irgendwie schon dafür geschaffen sind, dass man mit einigen Anstrengungen seine frei gewählten Interessen verwirklichen kann – wenn man doch schon in all diesen Abteilungen der Gesellschaft zurechtkommen muss. Und dazu gehört in zweiter Linie die Ausstattung des Verstandes mit lauter falschen Urteilen über die Gründe, warum das so häufig nicht aufgeht. Dummheit ist – zusammengefasst – die Summe partei­lichen Denkens, mit der der erzogene Mensch es fertig bringt, alle politischen und ökonomi­schen Beschränkungen des eigenen Interesses zu verarbeiten und dabei brav zu bleiben.

    3. Dafür Beispiele zu finden, ist nicht schwer: Als mündiger Staatsbürger glaubt man z.B. an die Dummheit, dass Wahlen wichtig sind, weil sich damit die Politik zur Rücksichtnahme auf die eigenen Interessen bewegen lässt. Wer an dem dummen Spruch festhält, dass es jeder in dieser Gesellschaft zu etwas bringen kann, wenn er sich nur ordentlich anstrengt, der ist bereits gut erzogenes und von sich und seinen Fähig­keiten überzeugtes Konkurrenzsubjekt. Und dann gibt es noch die Dummheiten, die auf den Namen Moral hören, mit denen besonders der kritische Mensch alles, was ihn stört, auf fehlende Gleich­heit, Gerechtigkeit oder Freiheit und Missachtung der Menschenwürde zurückführt; wofür er dann regelmäßig die Politik verantwortlich macht.

    Warum sind das Dummheiten?
    - Der Freund von Wahlen – er wird dieses Jahr reich beschenkt – lobt ein Wahlrecht, mit dem das Wahlvolk wechselndes Personal für sehr prinzipiell feststehende Regierungsauf­gaben auswählt, und der dann nichts mehr dabei findet, sich von den gewählten Machthabern die Exis­tenzbedingungen diktieren zu lassen. Wer es als Freiheit schätzt, keiner anderen Obrigkeit zu gehor­chen als jener, an deren Wahl er sich beteiligt hat, ist – im genannten Sinne – dumm.
    - Der Freund der Leistungsgesellschaft lobt die Konkurrenz, die alle entscheidenden Lebensberei­che – Schule, Arbeitsmarkt und Beruf – fest im Griff hat, dafür, dass die Klassengesellschaft ihre Jobs nicht mehr nach Stand, Herkunft, Geschlecht und Rasse verteilt, sondern ganz gleich und de­mokratisch nach Leistung. Nichts findet er dabei, dass es diese Konkurrenz überhaupt nur dort gibt, wo deren Macher die Anzahl der Siegerpositionen knapp halten und die Masse der Konkurrenten nach ihren Krite­rien in Verliererjobs einweisen; wo folglich vor Beginn der Konkurrenz deren zentrales Ergebnis bereits feststeht: die Berufshierarchie der Klassengesellschaft. Wer die staatlich verfügte Erlaubnis schätzt, sich in der Konkurrenz daran beteiligen zu dürfen, also alle Mitkonkurrenten möglichst zu Verlierern zu machen, und sich zudem einbil­det, das hätte er mit seiner Leistung in der Hand, ist – im genannten Sinne – dumm.
    – Und dem Freund hoher Werte schließlich schlägt die Sternstunde immer dann, wenn er entdeckt, dass seine bzw. die Interessen der Mehrheit nicht so recht aufgehen. Dann beschwert er sich bei der Politik – was ihm die Demokratie gnädigerweise erlaubt und wofür er sich dann auch dankbar erweist – und wirft ihr Verstöße gegen Gleichheit der Chancen und soziale Gerechtigkeit vor, beklagt Freiheitseinschränkung und Intoleranz. Die Diagno­se lautet in der Regel Amtsmissbrauch, Versagen der Politik, weil die z.B. „anstatt den Kern des Problems anzugehen, nur an seiner Oberfläche kratzen“, wie es in einem flyer von Bildungskritikern heißt. Wer auf diese Weise Politik und Konkurrenz zu Einrichtungen erklärt, die eigentlich durch hehre Prinzipien dazu verpflichtet seien, seinen Interessen zu dienen; wer meint, dass hierzulande eigentlich alles harmonisch und zur Zufrie­denheit aller ablaufen könnte, wenn sich Lehrer, Politiker und Manager nicht immer an ihren ei­gentlichen Aufgaben versündigen würden, wer also alle hierzulande erlaubten Erfolgswege in Schule und Beruf auf diese Weise idealisiert, der ist – im genannten Sinne – dumm.

    4. Warum diese Dummheiten zum Erziehungsauftrag des staatlichen und privaten Bildungswesens gehören, ist also leicht zu erkennen: Sie sind das geistige Schmiermittel des demokratischen Kapitalismus, mit dem der freie Bürger ausgestattet wird. Nicht ermittelt ist, warum sie sich in der Köpfen halten, wo ihnen doch jede konkrete Erfahrung, die Menschen in Verfolgung ihrer Lebensplanung in dieser Gesellschaft machen, wi­derspricht. Spätestens nach der vierten Wahlbeteiligung kann man von Wählern hören, dass die da oben ja doch machen, was sie wollen. (Schon wieder eine Dummheit.) Wer wegen Insolvenz entlassen wird, wirft den Unternehmern Undankbarkeit vor (auch eine Dummheit), weiß also, dass Arbeitslosigkeit nicht Resultat seiner Leistungsverweigerung ist. Und selbst der kritische Mora­list, der mit seinen Forderungen immer wieder unverdrossen bei jenen staatlichen Stellen antritt, die ihm eine Reform-Suppe nach der anderen einbrocken, weiß, dass er „denen da oben Dampf“ machen muss, was ja wohl nichts anderes bedeutet, als dass „die oben“ auf seine moralisch wert­vollen Argumente nicht hören.

    5. All diese theoretischen Dummheiten lernt man in der Schule. Dort ist die Erziehung zu solch par­teilichem Denken Lernstoff. Dafür, dass die falschen Urteile in der Regel unbesehen durchgehen, sorgt die Schule ebenfalls. In ihr ist das Lernen so organisiert, dass gar nicht erst die Unsitte ein­reißt, die Lerninhalte auf ihre Stimmigkeit zu überprüfen. Gelernt wird, was in der Schule nützt. Jede schulisch verlangte Verstandesleistung ist nämlich als Bewährungs­probe organisiert. Der Erfolgsmaßstab des Lernens ist die gute Note, nicht etwa das Begreifen. Mit guten Noten wird belohnt, wer Gefordertes in geforderter Weise zum angesetzten Zeitpunkt wieder­gibt. Die relative Gleichgültigkeit gegenüber dem Inhalt des Lernstoffs gehört zur schuli­schen Aneignungsform von Wissen, Kenntnissen und Urteilen zwangsläufig dazu. Auch das Ver­sprechen späterer Anwendbarkeit gilt als wirksames Lernmotiv. Was sich Schüler dann häufig als nützlichen „Praxisbezug“ zurechtlegen, ist der Sache nach folgender Beschluss: In meinen Kopf lasse ich nur rein, womit ich mich später im Dienst an Staats- und Geldmacht nützlich machen kann. Kurz: Die durchgesetzte instrumentelle Stellung zur Wissensaneignung verbietet geradezu die Prüfung des Lernstoffs auf ihren Wahrheitsgehalt. Deswegen gehört zur höheren Bildung übrigens auch die Dummheit, dass es so etwas wie Wahrheit gar nicht gibt.

    6. Wenn regelmäßig die Kritik an Schule – so wie sie hier angedeutet worden ist – mit der Frage nach der Alternative konfrontiert wird oder gar blamiert werden soll, dann liegt nicht nur eine wei­tere gelernte Dummheit, der Imperativ der konstruktiven Kritik, auf dem Tisch, sondern zugleich ein Eingeständnis: Es ist bekannt, dass die Herrschaft in diesem Land sich hütet, für ihre Bürger Alternativen zum demokratischen Kapitalismus bereit zu halten; nichts als den wollen sie zum internationalen Erfolgsmodell ausgestalten. Sie schließen sogar umgekehrt jede vernünfti­ge Organisation des Zusammenlebens grundsätzlich – siehe z.B. Art. 14 des Grundgesetzes, der das Privateigentum schützt – aus. Und diese Alternativlosigkeit der herrschenden Lebensverhältnisse, der (Sach-)Zwang, sich unter dem Regime von Geld und Privateigentum, Konkurrenz mit ihren Interessengegensätzen, Rechtsordnung und Gewaltmonopol sein Leben unter Aufbietung von Leis­tungen des freien Willens einzurichten, ist es letztlich, unter dem sich gelernte Dummheiten zu ei­nem leider vielfach ziemlich unerschütterlichen Standpunkt verfestigen. Wer dann die qua Staatsmacht erfolgte Ächtung jeder Alternative zum herrschenden System ausgerechnet den Kritikern als fehlenden Realismus ihrer Kritik vorhält, ist mit seiner Dummheit schon bei gemeiner Parteinahme gelandet.

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